Hinweis: Zum Schutz aller beteiligten Personen verzichten wir bewusst auf die Nennung von Namen, Ortschaften und Institutionen. Dieser Erfahrungsbericht dient der persönlichen Verarbeitung sowie der Veranschaulichung von psychosomatischen Zusammenhängen und elterlicher Intuition in der Praxisarbeit.
Wie unser neunjähriger Sohn während des Unterrichts eine vollständige Gesichtslähmung erlitt, mehrere Stunden in der Schule blieb und warum uns bis heute eine Frage nicht loslässt: Warum hat niemand angerufen?
Der 26. Juni 2026 ist ein Datum, das ich vermutlich nie mehr vergessen werde. Ich glaube, dieser Tag hat nicht nur bei uns als Familie Spuren hinterlassen. Auch für die Schule dürfte er nicht einfach irgendein Freitag gewesen sein.
Um 12.15 Uhr kam unser neunjähriger Sohn nach Hause. Schon als ich ihn sah, wusste ich, dass etwas nicht stimmte. Er stand einfach da, regungslos und weinend. Meine Tochter rief mir entgegen: „Mama, L. hat eine Lähmung!“
Im ersten Moment begriff ich gar nicht richtig, was sie damit meinte. Ich ging auf meinen Sohn zu und sah plötzlich diese deutliche Asymmetrie in seinem Gesicht. Seine Sprache klang verändert, fast nuschelnd. Dann erkannte ich das ganze Ausmass: Seine linke Gesichtshälfte war vollständig gelähmt. Der Mundwinkel hing nach unten, die Nasolabialfalte war verstrichen und das Auge wirkte deutlich grösser. Er konnte es überhaupt nicht mehr schliessen. Nicht nur unvollständig – das Augenlid bewegte sich keinen Millimeter mehr.
Ich machte mit ihm einige einfache neurologische Übungen, wie man sie beispielsweise kennt, wenn ein Verdacht auf einen Schlaganfall besteht. Danach rief ich meine Nachbarin an, die Krankenschwester ist. Auch sie überprüfte verschiedene Dinge mit ihm. Ich musste sie nicht einmal fragen, was sie dachte. Ich sah es an ihrem Blick.
„Fahr sofort mit ihm in den Notfall“, sagte sie.
Also schnappte ich mir meinen Sohn und fuhr mit ihm in die Notaufnahme.
Dort begann eine lange Reihe von Untersuchungen, Tests und Fragen. Und dort erzählte unser Sohn den Ärzten auch, was an diesem Morgen in der Schule passiert war.
Die Lähmung habe bereits ganz zu Beginn der ersten Lektion angefangen. Er habe mit einem Schulgspänli gelacht, als er plötzlich einen ungewohnten Widerstand in seinem Gesicht gespürt habe. Weil es sich so seltsam anfühlte, ging er auf die Toilette und schaute in den Spiegel. Dort sah er sein Gesicht – und erschrak.
Er erzählte seinen Mitschülern, dass er Ohrenschmerzen habe und sein Gesicht nicht mehr richtig bewegen könne. Danach ging er zu seiner Lehrerin und bat sie um Hilfe. Nach seiner Schilderung sagte er ihr ausdrücklich, dass er eine Lähmung habe und sein Gesicht nicht mehr bewegen könne.
Ihre Antwort soll gewesen sein: „Da kann ich dir auch nicht helfen. Geh Wasser trinken.“
Also ging unser Sohn Wasser trinken.
Doch aufgrund der Lähmung konnte er seinen Mund nicht mehr richtig kontrollieren. Das Wasser lief ihm wieder heraus. Auch andere Kinder bemerkten es.
Trotzdem wurden wir Eltern nicht angerufen.
Unser Sohn blieb weiter in der Schule. Die erste Lektion verging. Dann die nächste. Und noch eine. Insgesamt verbrachte er vier Lektionen in der Schule, bevor er schliesslich um 12.15 Uhr bei uns zu Hause stand – weinend und mit einer vollständig gelähmten Gesichtshälfte.
Als er diese Geschichte den Ärzten in der Notaufnahme erzählte, reagierten auch sie betroffen.
Es folgten mehrere Blutentnahmen und schliesslich eine Lumbalpunktion, bei der Nervenwasser, sogenannter Liquor, entnommen wurde. Die ersten Befunde waren unauffällig. Gegen Abend durften wir deshalb wieder nach Hause.
Doch damit war die Geschichte noch lange nicht vorbei.
Zu Hause begann unser Sohn über starke Rückenschmerzen zu klagen. Er weinte vor Schmerzen. Gleichzeitig mussten wir wegen der vollständigen Lähmung weiterhin sehr genau auf sein linkes Auge achten. Weil er es nicht mehr schliessen konnte, musste ich es immer wieder befeuchten. Auch in der Nacht schloss sich das Auge keinen Millimeter. Deshalb musste vor dem Schlafengehen eine feuchtigkeitsspendende Augencreme ins Auge gegeben werden. Ohne diesen Schutz bestand die Gefahr, dass die Hornhaut über Nacht austrocknet, was zu Reizungen und Schmerzen führen kann.
Am Sonntag mussten wir erneut in die Notaufnahme fahren, weil er inzwischen kaum noch sitzen konnte und sich immer wieder übergab. Das Trinken bereitete ihm wegen der Gesichtslähmung ohnehin Mühe. Nun kam hinzu, dass praktisch jeder Schluck, den er mit einem Strohhalm zu sich nahm, kurze Zeit später wieder erbrochen wurde.
Auch in der Notaufnahme konnte man zunächst nicht richtig erklären, warum es ihm plötzlich so schlecht ging. Er bekam Medikamente gegen die Übelkeit. Nachdem er ungefähr eine Stunde lang nicht erbrochen hatte, durften wir wieder nach Hause.
Kaum waren wir dort angekommen, begann alles von vorne.
Am nächsten Tag ging ich mit ihm zu unserem Hausarzt. Mittlerweile konnte unser Sohn kaum noch sitzen. Sobald er sich aufrichtete, bekam er massive Kopfschmerzen und musste sich übergeben. In den darauffolgenden Tagen war ich praktisch jeden Tag mit ihm beim Arzt, weil sein Zustand immer schlechter wurde.
Unser lebhafter, fröhlicher Junge war kaum wiederzuerkennen. Er schlief teilweise bis 11.30 Uhr, stand auf, musste sich übergeben und legte sich wieder hin. Er war lethargisch, kraftlos und völlig erschöpft.
Die Medikamente wurden stärker und mussten mehrfach gewechselt und angepasst werden. Es zeigte sich schliesslich, dass er die Lumbalpunktion überhaupt nicht gut vertragen hatte. Die Punktionsstelle hatte sich offenbar noch nicht vollständig verschlossen, wodurch Beschwerden entstanden, die zu einem Unterdruck im Kopf passten. Auch seine Darmtätigkeit wurde immer träger und kam zeitweise beinahe vollständig zum Erliegen.
Irgendwann begannen die Medikamente endlich zu wirken. Ganz langsam kam wieder etwas Leben in seinen Körper zurück. Aber er hatte in dieser kurzen Zeit massiv an Gewicht verloren.
Die letzten beiden Wochen vor den Sommerferien konnte unser Sohn nicht mehr zur Schule gehen. Wir hätten ihn zu diesem Zeitpunkt allerdings ohnehin nicht mehr zu dieser Lehrerin geschickt.
Denn der Vorfall vom 26. Juni stand für uns nicht alleine da.
Die zwei Jahre Unterstufe zuvor waren für unseren Sohn und auch für uns als Familie extrem belastend gewesen. Wir hatten immer wieder beobachtet, wie es ihm psychisch schlechter ging. Es gab zahlreiche Gespräche und mehrere runde Tische mit Lehrpersonen und Schulleitung. Wir versuchten immer wieder zu erklären, dass unser Sohn leidet und dass etwas nicht stimmt.
Doch wir hatten zunehmend das Gefühl, dass niemand wirklich hinsah.
Wir Eltern sahen es. Seine Psychomotorik-Therapeuten sahen es. Und trotzdem schien das, was unser Sohn erlebte und fühlte, immer wieder relativiert zu werden.
Irgendwann hatte ich das Gefühl, als würde sein Körper nun das sichtbar machen, was er mit Worten vorher nicht hatte sichtbar machen können. Als würde seine Seele sagen:
„Wenn ihr nicht hinsehen wollt, dann sorge ich dafür, dass ihr es sehen müsst.“
Ich möchte an dieser Stelle ausdrücklich festhalten: Wir behaupten nicht, dass die Lehrerin die Gesichtslähmung unseres Sohnes verursacht hat. Das wäre medizinisch eine Behauptung, die wir gar nicht aufstellen können und auch nicht aufstellen wollen.
Aber für uns als Eltern war dieser Tag ein Wendepunkt.
Nachdem wir den Vorfall der Schulleitung und der Schulpflege gemeldet hatten, kam die betreffende Lehrerin ungefähr eine Woche lang nicht mehr zur Schule. Als Grund wurden Rückenschmerzen genannt. Auf uns wirkte ihr Rückzug in dieser Situation wie eine Flucht.
Was danach geschah – oder vielmehr nicht geschah –, hat uns zusätzlich verletzt.
Weder die Lehrerin noch jemand aus der Schule meldete sich persönlich bei uns und fragte, wie es unserem Sohn geht. Es gab keine persönliche Erklärung und keine Entschuldigung.
Stattdessen entstand bei uns zunehmend der Eindruck, dass nicht mehr die Frage im Zentrum stand, warum ein neunjähriges Kind mit einer schweren Gesichtslähmung mehrere Stunden in der Schule geblieben war, sondern ob die Schilderungen unseres Sohnes überhaupt stimmen konnten.
In einem Bericht, der uns später vorlag, wurde seine Darstellung aus unserer Sicht deutlich relativiert. Unter anderem wurde sinngemäss damit argumentiert, dass keine Lehrperson die Gesichtslähmung wahrgenommen habe.
Und dann gab es da noch dieses Foto.
Eine TTG-Lehrerin hatte unseren Sohn genau an diesem Vormittag fotografiert, als Erinnerung an etwas, das er gebastelt hatte. Das Foto trägt einen Zeitstempel. Es zeigt ihn also genau an jenem Tag, während der Zeit, in der er nach eigener Aussage bereits gelähmt war.
Dieses Foto wurde uns später tatsächlich als Argument präsentiert, dass man darauf angeblich keine eindeutige Lähmung erkennen könne.
Ich konnte kaum glauben, dass dieses Foto nun dazu dienen sollte, die Wahrnehmung unseres Sohnes infrage zu stellen.
Also nahm ich den Bericht und das Foto mit zu unserem Hausarzt. Ich zeigte beides auch den Fachpersonen der Infektiologie am Kantonsspital Winterthur.
Und plötzlich wurde aus einer Diskussion darüber, ob man „etwas sehe“, wieder eine medizinische Frage.
Die Fachpersonen unterstützten uns und hielten ihre Einschätzung schriftlich fest. Das Gesicht unseres Sohnes auf dem Foto wurde als mit einem typischen Paresegesicht vereinbar beurteilt.
Und hier muss man verstehen, von welchem Schweregrad wir sprechen.
Die Gesichtslähmung unseres Sohnes wurde als Grad VI auf einer sechsstufigen Skala eingestuft. Das ist der höchste Schweregrad: eine vollständige Lähmung der betroffenen Gesichtsmuskulatur. Keine willkürliche Bewegung mehr. Der Gesichtsnerv überträgt in diesem Zustand die notwendigen Signale nicht mehr ausreichend an die Muskeln.
Wir sprechen also nicht von einem kleinen Zucken, einem komischen Gesichtsausdruck oder einem Mundwinkel, der beim Lachen vielleicht etwas schief wirkt.
Wir sprechen von einer vollständigen Parese.
Gerade deshalb hat uns die Darstellung, unser Sohn habe die Situation möglicherweise lediglich anders „wahrgenommen“, so getroffen.
Während Erwachsene darüber diskutierten, was sie angeblich gesehen oder nicht gesehen hatten, war er derjenige, der in diesem Klassenzimmer sass und sein eigenes Gesicht plötzlich nicht mehr bewegen konnte.
Er war neun Jahre alt.
Heute ist zum Glück vieles anders.
Unser Sohn wird weiterhin in der Infektiologie am Kantonsspital Winterthur betreut. Gleichzeitig durfte er die Lehrperson wechseln. Seit diesem Wechsel erleben wir einen Jungen, der wieder aufblüht. Er geht wieder gern zur Schule, fühlt sich gesehen und ernst genommen.
Das neue Lehrerteam hat innerhalb kurzer Zeit etwas geschafft, wonach wir uns zuvor lange gesehnt hatten: Es hat eine Beziehung zu ihm aufgebaut. Es gibt ihm Sicherheit. Es sieht nicht nur den Schüler, sondern das Kind dahinter.
Seitdem bedeutet ein Satz für mich mehr denn je:
Bindung vor Bildung.
Denn ein Kind, das sich nicht sicher fühlt, kann kaum frei lernen.
Warum schreibe ich diese Geschichte öffentlich?
Nicht, um einer Lehrerin die Schuld an der Lähmung unseres Sohnes zu geben.
Sondern weil ich bis heute eine Frage nicht loswerde:
Warum hat niemand uns angerufen?
Ein einziger Telefonanruf hätte genügt.
„Ihr Sohn sagt, dass er sein Gesicht nicht mehr bewegen kann. Bitte holen Sie ihn ab.“
Mehr wäre nicht nötig gewesen.
Unser Sohn suchte Hilfe. Er sagte nach seiner Darstellung klar, dass er sein Gesicht nicht mehr bewegen könne. Trotzdem blieb er noch mehrere Stunden in der Schule und kam schliesslich weinend zu uns nach Hause.
Mit einer vollständigen Gesichtslähmung.
Und über genau das können und wollen wir nicht einfach hinwegsehen.
Auch wenn es unserem Sohn heute besser geht und er in seinem neuen schulischen Umfeld wieder aufblüht, ist die Geschichte für uns deshalb noch nicht abgeschlossen. Nicht aus Rache und nicht, weil wir einen Schuldigen suchen.
Sondern weil Verantwortung auch bedeutet, sich mit Fehlern auseinanderzusetzen.
Verantwortung bedeutet hinzusehen, wenn ein Kind um Hilfe bittet.
Verantwortung bedeutet zuzuhören, wenn ein Kind sagt, dass etwas nicht stimmt.
Und Verantwortung bedeutet für mich auch, ein Kind nicht nachträglich als unglaubwürdig darzustellen, nur weil seine Geschichte unangenehme Fragen aufwirft.
Vielleicht schreibe ich diesen Beitrag auch deshalb, weil irgendwo eine andere Mutter oder ein anderer Vater gerade vor demselben Problem steht. Weil sie spüren, dass es ihrem Kind nicht gut geht, während ihnen von aussen immer wieder vermittelt wird, alles sei gar nicht so schlimm.
Dann möchte ich ihnen sagen:
Hört eurem Kind zu.
Schaut genau hin.
Fragt nach.
Holt euch Unterstützung.
Und wenn euer Gefühl euch sagt, dass etwas nicht stimmt, dann bleibt dran.
Denn unser Sohn hat an diesem Tag um Hilfe gebeten.
Und manchmal hätte ein einziger Anruf alles verändert.