Es gibt Momente im Leben, in denen uns die Vergangenheit nicht schleichend, sondern mit voller Wucht wieder einholt. Oft geschieht das genau dann, wenn wir unsere eigenen Kinder durch Phasen begleiten, die feine Risse in unserer Erinnerung wieder aufreißen.
Als mein Sohn neun Jahre alt war, geschah etwas, das mich tief im Herzen erschütterte. Er steckte in einer sehr belastenden Schulphase, und von einem Tag auf den anderen reagierte sein Körper mit einer Faszialisparese – einer plötzlichen Gesichtslähmung.
Als Mutter leidet man in solchen Momenten unendlich mit. Doch als Therapeutin und Mensch schoss mir in Sekundenschnelle ein Gedankenblitz durch den Kopf, der eine längst vergrabene Erinnerung ans Licht holte. Eine Erinnerung an ein Alter, in dem Geschichte sich auf fast unheimliche Weise zu spiegeln begann.
Zwei Generationen, dasselbe Alter – zwei verschiedene Ventile
Ich war damals ebenfalls genau neun Jahre alt und ging in die 4. Klasse. Unser damaliger Lehrer war nicht einfach nur streng – er war grausam, unberechenbar, aggressiv und zutiefst entwertend. Er ging Schüler körperlich an und nahm mir Stück für Stück meinen Selbstwert. Ich wusste irgendwann gar nicht mehr, wer ich war, was ich konnte oder was ich wert war.
Mein Nervensystem lief über Monate auf Dauerstress. Bis mein Körper schließlich den Stecker zog.
Ich erinnere mich noch genau an jene Nacht: Ich träumte von einem majestätischen, schwarz-weißen Königspudel. Als ich am nächsten Morgen aufwachte, wollte mein Körper nicht mehr. Ich war vom Hals abwärts komplett gelähmt. Eine ganze Woche lag ich bettlägerig im Zimmer, unfähig mich zu bewegen, und musste im Liegen versorgt werden.
Die faszinierende und zugleich erschreckende Parallele:
- Bei meinem Sohn funktionierte der gesamte Körper, aber das Gesicht fror ein.
- Bei mir funktionierte das Gesicht, aber der Körper verweigerte jeglichen Dienst.
Der Körper wählt immer ein Ventil, wenn die Seele nicht mehr tragen kann, was man ihr aufbürdet.
Der Wendepunkt: Schutzzonen und echte Zivilcourage
Nach einer Woche Bettruhe rief jener Lehrer bei uns zu Hause an. Er wollte mich vor meinen Eltern weiter demütigen und meine Abwesenheit infrage stellen. Doch dieses Mal ging mein Vater an das Telefon.
Mein Vater hörte sich das nicht an. Er erlitt einen Wutanfall voller Beschützerinstinkt und machte diesen Lehrer am Telefon so zur Schnecke, dass dieser Mann einen Nervenzusammenbruch erlitt und schlagartig ausfiel. In genau dem Moment, als ich erfuhr, dass dieser Lehrer nicht mehr vor der Klasse stehen würde, setzte bei mir die körperliche Heilung ein. Mein System verstand: Die Gefahr ist vorbei. Ich konnte wieder aufstehen.
Doch die Geschichte geht noch weiter – und zeigt, wie wichtig Haltung und Führung sind.
Der neue Schulleiter, der danach eingesetzt wurde, war Jahre zuvor selbst Schüler genau dieses Lehrers gewesen. Er wusste aus eigener, schmerzhafter Erfahrung, welches Leid dieser Mann anrichtete. Er zögerte keinen Augenblick, übernahm Verantwortung und sorgte dafür, dass dieser Lehrer nie wieder eine Schulklasse unterrichten durfte. Er hat damit unzählige Kinderseelen gerettet.
Leider lebt dieser Schulleiter heute nicht mehr – er verstarb viel zu jung an einem Hirntumor. Wenn ich heute daran zurückdenke, frage ich mich manchmal, wie viel emotionalen Ballast und welchen Schmerz er aus dieser Zeit in sich getragen haben mag. Aber sein Wirken bleibt unvergessen. Ich bin ihm bis heute von ganzem Herzen dankbar.
Anschließend übernahm eine junge Lehrerin frisch aus der Ausbildung unsere Klasse. Unter ihrer Empathie und Wärme durften wir Kinder endlich wieder aufblühen.
Was wir daraus für das Leben lernen können
Diese Erlebnisse haben mein Verständnis vom Zusammenspiel zwischen Psyche, Nervensystem und Körper nachhaltig geprägt – sowohl persönlich als auch in meiner täglichen Arbeit in der Praxis.
- Der Körper spricht, wenn wir schweigen müssen:
Ob Lähmung, Faszialisparese, chronische Schmerzen oder Erschöpfung – unser Nervensystem schützt uns durch Abwehrreaktionen, wenn emotionaler Druck nicht mehr verarbeitet werden kann. - Macht und Führung hinterlassen Spuren:
Ob als Lehrperson, Führungskraft oder Elternteil: Worte und Taten prägen ein Leben lang. Machtmissbrauch zerstört Selbstwert – empathische Führung hingegen heilt und schützt. - Muster durchbrechen:
Wir können nicht immer verhindern, dass alte Wunden angetriggert werden. Aber wir können hinsehen, unsere Kinder schützen, ihnen den Rücken stärken und dafür sorgen, dass sich destruktive Muster nicht ungebremst fortsetzen.
Ein Gedanke zum Schluss
Wer heute Macht über andere hat – sei es im Klassenzimmer oder am Arbeitsplatz –, sollte nie vergessen: Das Rad des Lebens dreht sich. Die Schüler oder Mitarbeiter von heute sind die Gestalter, Chefs und Beschützer von morgen.
Hinterlasse Spuren von Aufbau und Vertrauen, nicht von Angst.